Konzert in der Laeiszhalle

04.05.2019 - 11:00 Uhr

Bericht über Kazuo im Hamburger Abendblatt aus dem Jahr 2002 

 

"Ich glaube, sie mögen mich auch"                                             30.11.2002

Von Heike Gätjen

 

Mancher Dirigent ist schon mit einem Chor voll ausgelastet. Der Japaner Kazuo Kanemaki leitet in Hamburg gleich sechs Chöre und einen Kinderchor, und seine Sänger/innen lieben ihn. Das Geheimnis eines Gemeinschaftsstifters.

Seinen Taktstock hat er selbst gemacht, aus einer Fiberglas-Angelrute und einem Weinkorken. Damit hat er alles voll im Griff: 160 Sängerinnen und Sänger, das 70 Mann starke Orchester und die Orffsche "Carmina Burana". Nur die zierliche junge Frau ganz rechts fällt leicht aus der Rolle. Sie errötet bis unter die Haarwurzeln, als sein Blick sie trifft, vergreift sich fast an ihrem gewaltigen Kontrabass.

Der sanfte Japaner Kazuo Kanemaki ist ein absoluter Frauenschwarm. Vor allem aber ein leidenschaftlicher Chorleiter und Dirigent, der sich auf der Bühne in einen wilden Derwisch verwandelt: mit magischen Kräften, fliegenden Haaren und bezwingenden Blicken. Das Publikum tobt. Der Ehrengast, Direktor des japanischen Chorleiter-Bundes, verneigt sich würdevoll, Kanemaki stürmt für eine furiose Umarmung auf ihn zu - ein Frontalzusammenstoß von beiden im Großen Saal der Hamburger Musikhalle wird knapp verhindert.

"Ja", sagt Kanemaki später im Ottenser Stadtcafe entschuldigend. "Ich bin länger deutsch als japanisch. Da prallen zwei Welten aufeinander, die Distanz und Höflichkeit Japans und deutsche Spontaneität." Der 53-jährige lebt seit 1974 in Hamburg, gibt bei sieben Chören Takt und Ton an. Im Frauenchor "Frohsinn" in Finkenwerder, im Seemannschor vom Verein geborener Hamburger, in seinem selbst gegründeten Kanemaki-Chor, im Polizeichor Hamburg von 1901, in zwei Betriebschören der Firmen Siemens und Holsten-Bavaria und einem Kinderchor.

"Sie sind meine menschliche Basis, ich liebe sie alle", sagt er. Und sehr zögernd: "Ich glaube, sie mögen mich auch."

Das ist nun leicht untertrieben. Die Chor-Leute schwärmen von "ihrem Kazuo". Von seiner Geduld und Bescheidenheit. Von seinem Einfühlungsvermögen und auch seiner Durchsetzungskraft, wenn es um musikalische Experimente geht. Und sie danken es ihm mit spontanen Aktionen: Seinen Umzug von Eimsbüttel nach Altona organisierte der Sängerbund "Germania", den er damals noch leitete. Sie tapezierten wochenlang nach Feierabend seine neue Wohnung, verlegten elektrische Leitungen. "Und ich durfte weiter Geld verdienen gehen und Klavierunterricht geben."

Das neue Auto zu seinem 50. Geburtstag - ein Geschenk von 300 stimmstarken Amateuren. Oder: Weil seine 80 Jahre alte Mutter sich nicht in den Flieger traute, um seine erste Aufführung von Beethovens Neunter in der Musikhalle zu erleben, flogen 150 seiner Chorsänger/innen samt 70 Begleitpersonen mit ihm nach Tokio und brachten ihr ein Ständchen - auf eigene Kosten. "So viele wunderbare Geschichten, die ich erzählen könnte!"

Kanemaki erzählt gern, detailfreudig und anrührend. Selbst die schmerzhaftesten Augenblicke seines Lebens spart er nicht aus. "Aber nur", sagt er immer wieder verlegen, "wenn Sie es auch wirklich hören wollen."

Sein Start in Hamburg war schwierig. Der Dreiundzwanzigjährige kam mit Löwenmähne, mangelnden Deutschkenntnissen, knappem Budget und einer verletzten Seele: In Tokio war über Nacht Schluss gewesen mit der Karriere als Hornist. Grund: Ein neues Mundstück überstrapazierte die Lippenmuskeln. "Luft ging nicht rein, Töne kamen nicht raus. Alles verloren."

Und Hamburg gab sich sperrig. Nichts zählte hier. Nicht sein Musikstudium, sein Platz im Tokyo Metropolitan Symphony Orchestra. Die erste Bewerbung an der Musikhochschule klappte nicht. Verbissen übte er stundenlang Klavier und Horn im Studentenheim, lernte Deutsch, arbeitete als Tellerwäscher in einem japanischen Restaurant hinter der Reeperbahn. Ein dreiviertel Jahr lang. Dann kapitulierte er. "Horn war wirklich vorbei." Er fiel in ein tiefes Loch, dachte an Selbstmord. "Wenn ein Musiker nicht mehr spielen kann, ist das Leben vorbei."

Saeko wurde seine Rettung - die kleine Japanerin aus dem Restaurant, an dessen Namen er sich nicht mehr erinnert. 1979 wurde sie seine Frau. "Sie sagte immer wieder: Los, los, du kannst deinen Traum schaffen, auch Dirigent werden!" Bei der zweiten Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule war die Ausgangslage ungünstig, sein Klavierspiel nicht gerade begnadet, für das Studium als Dirigent war er eigentlich zu alt. Trotzdem - er nahm all seinen Mut zusammen, bat, wenigstens den vierten Satz aus Beethovens Neunter dirigieren zu dürfen. Durchlitt beim Warten auf dem tristen Flur "die furchtbarsten zwanzig Minuten" seines Lebens. Und fiel fast "tot um vor Glück", als er aufgenommen wurde. Gefragter Chorleiter wurde er dann eher zufällig, als er Geld brauchte und eine Anzeige aufgab: "Dirigent gibt Klavierunterricht". Ein Männerchor meldete sich, acht Chöre kamen dazu. Sieben sind geblieben.

Kazuo Kanemaki ist glücklich. Aber ein Traum bleibt noch: einmal ein großes Profiorchester zu dirigieren. "Ich träume von großen Dirigenten wie Wilhelm Furtwängler und Carlos Kleiber. Ich weiß, das ist so, als wenn ein Suzuki-Fahrer von einem Ferrari träumt. Aber ich bin ein positiver Mensch. Meine Frau und meine drei Söhne glauben an mich - es ist zu schaffen." Der Titel seiner Biografie (auf Japanisch) klingt denn auch wie eine Mut-mach-Parole an sich selbst: "Ich bin da! Ich habe Beethovens Neunte mitgebracht".  

 

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